Meer · ab 6 Jahren · 8 Minuten

Auri und die Stimme des Meeres

Auri lebte auf der kleinen Insel Liora, auf der jedes Haus das Meer sehen konnte. Schon morgens roch die Luft nach Salz, und abends färbte die Sonne das Wasser…

Auri lebte auf der kleinen Insel Liora, auf der jedes Haus das Meer sehen konnte. Schon morgens roch die Luft nach Salz, und abends färbte die Sonne das Wasser golden. Auri kannte jede Bucht, jeden Felsen und fast jede Möwe beim Namen. Nur eines kannte sie nicht: die Welt hinter dem dunklen Kap.

Die Erwachsenen sagten, dort draußen sei das Meer unberechenbar. „Du bist noch zu jung“, meinte der Fischer Jaro. Auri hörte das oft. Doch eines Abends vernahm sie vom Strand ein tiefes, singendes Geräusch. Es klang nicht gefährlich. Es klang, als würde das Meer nach jemandem rufen.

Am nächsten Morgen nahm Auri ihr kleines Segelboot. Ihr Freund Niko wollte mitkommen. Gemeinsam fuhren sie bis zum Kap. Dort wurde das Wasser unruhiger, und Auri bekam ein flaues Gefühl im Bauch. „Wir können umdrehen“, sagte Niko. Auri nickte erst – und hörte dann wieder den langen, traurigen Ton.

Hinter dem Kap fanden sie einen jungen Wal, der zwischen zwei Felsen festsaß. Bei jeder Welle wurde er gegen den Stein gedrückt. Auri wollte sofort an das Seil springen, doch Niko hielt sie zurück. „Nicht stärker sein. Klüger sein.“ Also beobachteten sie die Wellen und merkten, dass jede siebte besonders hoch kam.

Sie befestigten das Seil an einem alten Holzstück und warteten. Eins, zwei, drei Wellen. Bei der siebten zog das Wasser den Wal ein Stück an. Auri und Niko zogen gleichzeitig. Noch einmal. Und noch einmal. Schließlich glitt der Wal frei ins tiefe Wasser.

Der junge Wal tauchte unter ihrem Boot hindurch und sang. Diesmal klang seine Stimme hell. Auri verstand plötzlich: Das Meer hatte sie nicht gerufen, weil sie die Mutigste oder Stärkste war. Es hatte nur jemanden gebraucht, der zuhören wollte.

Als sie zurückkehrten, war niemand böse. Jaro sah sie lange an und sagte: „Mut ist gut. Aber Mut mit Verstand ist besser.“ Auri lächelte. Sie wusste nun, dass sie nicht beweisen musste, dass sie groß genug war. Sie musste nur lernen, wann sie losfahren und wann sie warten sollte.

Am Abend lag Auri im Bett. Durch das offene Fenster hörte sie das Meer. Ganz weit draußen sang ein Wal. Auri schloss die Augen. Vielleicht würde sie eines Tages noch viel weiter fahren. Aber heute war sie genau dort, wo sie sein wollte: zu Hause, warm und sicher, mit dem Rauschen der Wellen im Ohr.

Gute Nacht.

Kleine Frage zum Einschlafen

Wenn du das Meer verstehen könntest – was würdest du es gerne fragen?

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