Einhörner · ab 5 Jahren · 7 Minuten
Luna, das Einhorn, das seinen eigenen Weg ging
Eine Gute-Nacht-Geschichte über Mut, Selbstvertrauen und den eigenen Weg
Tief hinter den sieben Hügeln lag ein Tal, das nur bei Mondlicht zu sehen war.
Dort lebten Einhörner.
Es gab Einhörner mit silbernen Mähnen, Einhörner mit glitzernden Hufen und sogar ein Einhorn, dessen Horn kleine Regenbögen malen konnte.
Aber Luna war anders.
Lunas Fell war schneeweiß und ihre Mähne hatte die Farbe des Nachthimmels. Ihr Horn glänzte wunderschön – nur hatte es bisher noch keinen einzigen besonderen Zauber gezeigt.
„Vielleicht kommt dein Zauber noch“, sagte ihre Mutter immer.
Doch Luna war sich da nicht so sicher.
Jedes Einhorn im Tal hatte eine besondere Fähigkeit.
Lumis konnte Blumen zum Blühen bringen.
Fina konnte mit den Vögeln sprechen.
Und der große Einhornhengst Orion konnte mit seinem Horn den Weg durch den dunkelsten Wald leuchten lassen.
Nur Luna konnte gar nichts.
Zumindest glaubte sie das.
Eines Abends versammelten sich alle Einhörner auf der großen Wiese.
Am Himmel standen bereits die ersten Sterne.
„Heute Nacht“, verkündete Orion, „werden wir zum Leuchtbaum gehen. Dort entzünden wir gemeinsam das große Mondlicht.“
Luna freute sich.
Der Leuchtbaum war der schönste Baum im ganzen Tal. Seine Blätter glitzerten wie kleine Sterne.
Doch als die Einhörner losgingen, bemerkte Luna, dass dunkle Wolken über den Bergen aufzogen.
„Das sieht nach einem Sturm aus“, sagte ihre Mutter.
Plötzlich ertönte ein lautes Grollen.
Der Wind wurde stärker.
Die Einhörner blieben stehen.
Und dann geschah etwas Seltsames.
Ein heller Blitz zuckte über den Himmel.
Der Leuchtbaum begann zu flackern.
„Wir müssen zurück!“, rief Orion.
Alle Einhörner drehten um.
Nur in diesem Moment hörte Luna etwas.
Ein leises Geräusch.
„Hilfe!“
Sie sah sich um.
Niemand schien es gehört zu haben.
„Hilfe!“
Da war es wieder.
Luna blickte in den Wald.
Zwischen den Bäumen bewegte sich etwas.
Ein kleines Fohlen war vom Weg abgekommen.
„Wartet!“, rief Luna.
Doch der Wind war inzwischen so laut, dass niemand sie hörte.
Luna sah zu den anderen Einhörnern.
Dann sah sie in den dunklen Wald.
Sie hatte Angst.
Sehr sogar.
Aber das kleine Fohlen war allein.
Also lief Luna los.
Durch die Bäume.
Über kleine Steine.
Unter tief hängenden Ästen hindurch.
„Hallo?“, rief sie.
„Hier!“, antwortete eine kleine Stimme.
Luna fand das Fohlen schließlich unter einem umgestürzten Baum.
„Keine Angst“, sagte Luna. „Ich hole dich da heraus.“
Sie versuchte, den Baum wegzuschieben.
Er bewegte sich keinen Zentimeter.
Luna strengte sich an.
Nichts.
„Ich kann das nicht“, flüsterte sie.
Da fiel ein einzelner Tropfen auf ihre Nase.
Dann noch einer.
Der Regen begann.
Luna schloss für einen Moment die Augen.
Sie dachte an alle Einhörner im Tal.
Lumis konnte Blumen wachsen lassen.
Fina konnte mit Vögeln sprechen.
Orion konnte Licht machen.
Und sie?
Luna öffnete die Augen.
„Ich muss nicht können, was die anderen können“, sagte sie.
Sie sah sich um.
Neben dem Baum wuchsen lange, kräftige Ranken.
Luna packte eine Ranke mit den Zähnen und zog.
Dann noch eine.
Sie befestigte die Ranken um einen dicken Ast und zog so fest sie konnte.
Der Baum bewegte sich.
Ein kleines Stück.
„Noch einmal!“, rief das Fohlen.
Luna zog.
Der Baum rollte zur Seite.
Das Fohlen konnte herauskriechen.
„Du hast es geschafft!“, rief es.
Luna lächelte.
Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg.
Als sie die große Wiese erreichten, warteten dort bereits die anderen Einhörner.
Lunas Mutter lief sofort zu ihr.
„Da bist du ja!“
„Ich habe das Fohlen gefunden“, sagte Luna.
Alle Einhörner sahen sie erstaunt an.
Orion trat näher.
„Wie hast du den Baum bewegt?“
Luna zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht.“
Da begann ihr Horn ganz leicht zu leuchten.
Nicht hell.
Nicht bunt.
Nur ein kleines, warmes Licht.
Alle wurden still.
Luna sah auf ihr Horn.
„Was ist das?“
Orion lächelte.
„Vielleicht ist das dein Zauber.“
Luna sah auf das kleine Licht.
Es war nicht der stärkste Zauber im Tal.
Es konnte keine Blumen wachsen lassen.
Es konnte keine Regenbögen malen.
Aber es war ihr Zauber.
Und plötzlich wusste Luna etwas.
Sie musste nicht wie die anderen sein.
Sie musste nur herausfinden, wer sie selbst war.
In dieser Nacht lag Luna in ihrem gemütlichen Nest aus weichem Moos.
Durch das Fenster sah sie den Mond.
Ihr Horn glitzerte ganz leise.
Luna schloss die Augen.
Und bevor sie einschlief, dachte sie:
Vielleicht beginnt der eigene Weg genau dort, wo man aufhört, den Weg der anderen zu suchen.
Und mit diesem Gedanken schlief Luna friedlich ein.
Gute Nacht, Luna.
Gute Nacht.
Kleine Frage zum Einschlafen
Wenn du ein Einhorn wärst, welche besondere Fähigkeit würdest du dir wünschen?